Unsere heutige Zeit ist von zahlreichen Dilemmata geprägt, die komplexe, ethische, soziale und politische Fragen aufwerfen. Hier sind einige herausragende gesellschaftlich wichtige Gegensätze, Dilemmata beispielhaft aufgeführt:

  1. Umwelt vs. Wirtschaft: Der Kampf zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichem Wachstum ist ein bedeutendes Dilemma. Wie können wir ökologisch nachhaltige Praktiken fördern, ohne die wirtschaftliche Entwicklung zu beeinträchtigen?

  2. Datenschutz vs. Sicherheit: In einer zunehmend vernetzten Welt stehen wir vor der Herausforderung, die Privatsphäre der Bürger zu schützen, ohne dabei die notwendigen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit zu vernachlässigen.

  3. Globalisierung vs. nationale Identität: Die Globalisierung hat zu einem verstärkten kulturellen Austausch geführt, aber auch zu Ängsten bezüglich des Verlusts nationaler Identität. Wie können wir eine Balance finden, die die Vorteile der Globalisierung nutzt, ohne die lokalen Identitäten zu gefährden?

  4. Technologischer Fortschritt vs. Arbeitsplatzverlust: Die Automatisierung und der technologische Fortschritt können die Effizienz steigern, aber auch Arbeitsplätze gefährden. Wie können wir sicherstellen, dass der technologische Fortschritt den Menschen insgesamt zugutekommt, ohne soziale Ungleichheiten zu verschärfen?

  5. Gesundheitssysteme vs. Finanzierbarkeit: Der Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung ist ein Grundrecht, aber die Finanzierbarkeit von Gesundheitssystemen ist eine enorme Herausforderung. Wie können wir sicherstellen, dass alle Bürger Zugang zu erschwinglicher Gesundheitsversorgung haben?

  6. Flüchtlingskrise und Integration: Die steigende Anzahl von Flüchtlingen weltweit stellt Länder vor die Herausforderung, menschenwürdige Lösungen zu finden und gleichzeitig die Integration der Zuwanderer in die Gesellschaft zu fördern.

  7. Freiheit vs. Sicherheit: Der Wunsch nach Sicherheit kann zu Forderungen nach mehr Überwachung führen, was jedoch die individuelle Freiheit beeinträchtigen kann. Wie kann eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit gefunden werden?

  8. Wohlstandsgleichheit: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in vielen Gesellschaften ist ein ernstes Dilemma. Wie können wir wirtschaftlichen Wohlstand gerechter verteilen, um soziale Ungleichheit zu reduzieren?

Diese Konflikt-Anlässe in unserer Gesellschaft erfordern komplexe und ausgewogene Lösungen, bei denen verschiedene Interessen und Perspektiven berücksichtigt werden müssen. Der Umgang mit diesen Herausforderungen wird die Entwicklung unserer Gesellschaften in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen.

Es ist entscheidend, in unserer Gesellschaft eine klare Haltung zu den Problemen der Zeit einzunehmen, da dies einen bedeutenden Einfluss auf unsere gemeinsame Zukunft hat. Hier sind einige Gründe, warum dies so wichtig ist:

  1. Gesellschaftliche Verantwortung: Jeder Bürger trägt Verantwortung für das Wohlergehen der Gesellschaft. Durch eine bewusste Haltung zu aktuellen Problemen zeigen wir, dass wir uns dieser Verantwortung bewusst sind und aktiv zur Lösung beitragen wollen.

  2. Gesellschaftlicher Fortschritt: Eine aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit fördert den gesellschaftlichen Fortschritt. Nur durch das Bewusstsein für Probleme können wir innovative Lösungen entwickeln und positive Veränderungen herbeiführen.

  3. Demokratische Teilhabe: In einer Demokratie ist es von zentraler Bedeutung, dass Bürgerinnen und Bürger informierte Entscheidungen treffen können. Eine klare Haltung zu den aktuellen Problemen ermöglicht es den Menschen, politisch informierte Entscheidungen zu treffen und aktiv an dem demokratischen Prozess teilzunehmen.

  4. Interkulturelles Verständnis: Die Welt ist heute stärker vernetzt als je zuvor. Eine Haltung zu den globalen Herausforderungen fördert das interkulturelle Verständnis und ermöglicht eine konstruktive Zusammenarbeit auf internationaler Ebene.

  5. Umweltbewusstsein: Viele der aktuellen Probleme beziehen sich auf Umweltfragen und nachhaltige Entwicklung. Eine klare Haltung zu Umweltthemen trägt dazu bei, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Umweltschutzmaßnahmen zu stärken und nachhaltiges Handeln zu fördern.

  6. Soziale Kohäsion: Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen fördert das Verständnis und die Empathie für die unterschiedlichen Perspektiven in der Gesellschaft. Dies stärkt die soziale Kohäsion und trägt zur Schaffung einer solidarischen Gemeinschaft bei.

Insgesamt ist es also ungeheuer wichtig, dass Menschen sich aktiv mit den Herausforderungen ihrer Zeit auseinandersetzen, um eine positive und nachhaltige Entwicklung in unserer Gesellschaft zu fördern. Dies erfordert eine offene Geisteshaltung, kritisches Denken und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

 Beispiel: Schiedsrichterentscheidung im Fußball

Wann ist ein Tor zu geben?





Das gekonnte Zusammenspiel von Kriterien und Sachverhaltsbeobachtung macht die Qualität des Schiedsrichterurteils aus.

Das normative DFB-Regelwerk:

„Soweit diese Regeln nichts anderes bestimmen, ist ein Tor erzielt, wenn der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten und unter der Querlatte vollständig überquert hat, ohne dabei von einem Spieler der angreifenden Mannschaft absichtlich mit dem Arm oder mit der Hand angehalten bzw. geworfen, getragen oder gestoßen worden zu sein, ausgenommen vom Torwart, der sich innerhalb seines eigenen Strafraumes befindet.“

Quelle: Deutscher Fußball-Bund e.V. [Hrgs.]: Kurzregeln für Schule und Verein, 1980. S.10



Beobachtung des Spielgeschehens

Um als Schiedsrichter eine sichere Entscheidung fällen zu können, ist es notwendig, bei Torgelegenheiten nahe am Tor zu sein, möglichst mit Seitensicht.

Regelkenntnis und Spielbeobachtung sind also ausschlaggebend für die Qualität eines Schiedsrichterurteils

Kurz: Er sollte immer auf Ballhöhe zu sein, das ist entscheidend!

In Zweifelsfällen hilft seit ein paar Jahren ein unabhängiges, technisches Hilfsmittel: Der Video-Beweis

Voraussetzung für die sichere und gerechte Schiedsrichterentscheidung:

1) Eine normative Regel, die Tatbestandsmerkmalen eine Folge zuordnet:

Wenn X, dann Y

2) eine konkrete Sachverhaltsbeschreibung, die den Tatbestand der Regel erfüllt.

Die Entscheidung muss aus 1) und 2) hervorgehen.

Wie selbstverständlich geht man als Fernsehzuschauer bei der Übertragung von nationalen und internationalen Meisterschaften davon aus, dass Schiedsrichter die Fußballspiele leiten. Sie pfeifen das Spiel an und ab, sie geben die Tore. Über nichts können sich die Fußballfans mehr aufregen, als über offensichtliche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern. Wie bei fast jedem anderen Spiel kann man das Fußballspiel jedoch auch ohne Schiedsrichter spielen. Die Spieler müssen sich dann selbst einigen. (Auch in der Geschichte des Fußballspiels trat der Schiedsrichter erst relativ spät in Erscheinung.) Wenn sich Jugendliche am Nachmittag auf einem Bolzplatz treffen, um Fußball zu spielen, können sie nicht nur auf einen Schiedsrichter verzichten, sondern bestimmen ad hoc und den jeweiligen Verhältnissen angepasst, nach welchen Regeln sie spielen wollen. Wer sollte sie auch daran hindern, die Spielregeln so abzuändern, dass ihnen das Spiel Spaß macht? Sie entscheiden über die Anzahl der Spieler, die Größe des Spielfeldes, die Größe des Tores, ob gegen ein oder zwei Tore gespielt wird, ob es feste oder fliegende Torwarte gibt, wann ein Strafstoß, wann ein Tor zu geben ist usw. Schiedsrichterentscheidungen sind nicht nötig. Erst wenn mehrere Mannschaften gegeneinander spielen und einen Wettkampf austragen wollen, ist es notwendig, die Regeln von willkürlichen und zufälligen Bedingungen unabhängig zu machen und vor den durchzuführenden Spielen einheitlich und verbindlich festzulegen. Für alle Mannschaften gelten dann die gleichen Regeln; die Wettkampfbedingungen werden einheitlich normiert. Außerdem wird der Spielablauf für die Spieler (und damit auch Zuschauer) erwartbarer. Die Mannschaften können für den Wettkampf trainieren, die Spieler ihre Rollen (Verteidiger, Mittelfeldspieler, Stürmer oder ähnliche) einüben, die Zuschauer mitreden. Je wichtiger nun das Fußballspiel wird und je mehr für die Beteiligten von einem Sieg oder einer Niederlage abhängt, desto notwendiger wird es, dass ein nicht zu den Mannschaften gehörender unparteiischer Dritter die Einhaltung der Wettkampfregeln beachtet und Regelverstöße ahndet. In dieser Konstellation wird die Leitung des Spiels durch einen Schiedsrichter notwendig. Seine Aufgaben und Rechte werden im Wesentlichen durch die geltenden Wettkampfregeln - die Fußballfreunde sprechen hier vom Regelwerk - bestimmt.

Vier Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden:

1.Welcher Zusammenhang besteht zwischen Regelwerk und Entscheidungen des Schiedsrichters?

2.Was ist typisch für eine gute Schiedsrichterentscheidung?

3.Was kennzeichnet ein parteiisches Schiedsrichterverhalten?

4.Was kann getan werden, um das Ausmaß von Schiedsrichter– Fehlentscheidungen möglichst gering zu halten?

(Quelle: Sander, W./Priester, J.: Recht Rechtssprechung Gerechtigkeit. Arbeitsbuch Sozialwissenschaften 2, Opladen 1985, S. 36-37)

Das Regelwerk im Fußball

Das Regelwerk für die Sportart Fußball ist mehr als 100 Jahre alt. Erste Aufzeichnungen finden sich im Jahre 1863 in England, dem Mutterland des Fußballs. Die noch sehr lückenhaften Regeln waren kurz und umfassten nur etwa 13 Abschnitte. Bestimmungen über Spielerzahl, Spieldauer, Spielstrafen und Schiedsrichter fehlten ebenso wie die Hinweise auf den Ball, die Technik der Spielwertung und den Torwart (...) Inhalt und Konvention der ersten sog. „Cambridge-Rules" basierten auf dem Standesethos britischer Ober- und Mittelschicht-Studenten, die durch Modifizierung von Rugby-Regeln das Fußballspiel initiierten. Zunehmende Popularität und Erfahrungen mit der Sportart Fußball führten zur Überarbeitung dieser ersten Bestimmungen. Vor allem die mangelnde Verbindlichkeit der ursprünglichen Oberschicht-Normen für die immer größer werdende Zahl von Spielteilnehmern aus unteren Sozialschichten erzwang die Etablierung von mit Sanktionsrecht ausgestatteten Spielleitern.

(Quelle: Albrecht, D/Musahl, H.: Das Schiedsrichterphänomen - ein Syndrom?, in: Albrecht, D.: (Hrsg.): Fußballsport. Ergebnisse sportwissenschaftlicher Forschung, Berlin/München/Frankfurt a.M. 1979, S. 35- 36..)

 

Zum Schiedsrichter im Fußball

Ursprünglich lag die Spielleitung in den Händen der beteiligten Akteure, die selbst über Regelüberschreitungen und Konsequenzen urteilten. Erst 1873 etablierte sich die Funktion eines neutralen Spielleiters auch in den Regeln; 1881 wurde der Schiedsrichter dann amtlich berufen. Zu seinen Aufgaben gehörten damals bereits organisatorische (Zeitnehmen, Notizen anfertigen usw.) und spielleitende (Verwarnung, Spielausschluss usw.) Tätigkeiten. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte erhielten die Schiedsrichter immer mehr Machtbefugnisse. Hatten sie anfangs nur die Aufgabe, bei strittigen Entscheidungen der Linienrichter einzugreifen, galten sie ab 1891 als alleinige Spielleiter. Schon ein Jahr später (1892) wurde die Endgültigkeit von Tatsachenentscheidungen festgeschrieben und erst 1923 soweit relativiert, als „sie nur insofern unanfechtbar sind, soweit es sich um das Spielergebnis handelt" [. . .]

(Quelle: Albrecht, D/Musahl, H.: Das Schiedsrichterphänomen - ein Syndrom?, in: Albrecht, D.: (Hrsg.): Fußballsport. Ergebnisse sportwissenschaftlicher Forschung, Berlin/München/Frankfurt a.M. 1979, S. 36.)

Fußball-Regeln 2006/2007: Regel 10 - Wie ein Tor erzielt wird

Torerzielung

Ein Tor ist gültig erzielt, wenn der Ball vollständig die Torlinie zwischen den Torpfosten und unter der Querlatte überquert hat, ohne dass die Regeln vorher von der Mannschaft übertreten wurden, zu deren Gunsten das Tor erzielt wurde. [...]

Information:

An diesem Beispiel der Torregel lässt sich in elementarer Weise zeigen, was eine Entscheidung voraussetzt:

• eine Regel, die zu einem Tatbestand (also einer möglichst genauen und gültigen Festlegung von entscheidungsrelevanten Merkmalen) eine Folge zuordnet: Wenn X (mögliches Ereignis bestimmter Art), dann Y (Rechtsfolge bestimmter Art);

• eine konkrete Sachverhaltsbeschreibung, die den Tatbestand der Regel erfüllt. Die Entscheidung muss aus a) und b) zwingend ableitbar sein.

Es gibt zwei typischen Fehlerquellen im Entscheidungsvorgang:
Zum einen kann die Auslegung der Regel falsch sein. (Dann wird gegen den Wortlaut oder gegen den Sinn der Regel verstoßen.) Zum anderen kann die Beobachtung des Sachverhaltes (der Tatsachen) ungenau oder falsch sein. (Dann wird etwas behauptet, was nicht der Fall gewesen ist.) Verdeutlichen Sie diese beiden Fehlerquellen anhand von typischen Schiedsrichterentscheidungen (zu Regel X).

Der Schiedsrichter muss in seinen Entscheidungen sicher sein.

(Quelle: Koppehel, C.: Der Schiedsrichter im Fußball, Frankfurt a.M. 1961, S. 6-8.)



Die Methode der 7 Schritte zur Urteilsbildung nach W. Sander (Münster)
als methodische Hilfe zur Gewinnung von Haltungen zu strittigen Fragen in unserer Gesellschaft.

Wie kann es gelingen, die Urteilsbildungs-Kompetenz systematisch zu fördern und zum Aufbau einer differenzierten Verantwortungskultur beizutragen?

Die sieben Regeln der Urteilsbildung nach Prof. Dr. Wolfgang Sander von der Universität Münster dienen dazu, die erforderlichen Arbeitsschritte zu strukturieren.

Um Mündigkeit bemühte Bürger werden ermutigt, aktuelle und gesellschaftlich relevante Entscheidungsfälle aufzugreifen und zu bearbeiten. Schritt für Schritt wird der Erwerb politischer Urteilsfähigkeit durch die bewusste Urteilsbildung unterstützt.

Die Methode der 7 Schritte trägt der Erkenntnis Rechnung, dass, im Zuge der sich erhöhenden Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und technischer Abläufe sowie der zunehmenden Ausdifferenzierung verschiedenster Subsysteme der Gesellschaft, die Bildung von verantwortlichen Urteilen immer schwieriger zu werden scheint. Immer mehr Menschen erklären sich selbst für unzuständig bzw. nicht befähigt ein angemessenes moralisches Urteil zu unterschiedlichen Themen zu fällen. Urteile werden an Experten delegiert, welche die vollständige Tragweite einer Entscheidung überblicken zu können scheinen. So soll der Biologe die Forschung an Stammzellen beurteilen und der Ökonom die Folgen der Globalisierung. Wer nichts davon versteht, so die unterschwellige Meinung, soll sich mit der Beurteilung von komplexen Fragestellungen zurückhalten. Der Sachverstand wird zum einzigen Kriterium einer moralischen Beurteilung.

In einer demokratischen Gesellschaft haben die Schulen den Auftrag ihre Schüler in die Lage zu versetzen verantwortliche Urteile zu fällen. Trotz dieses in den Richtlinien formulierten Zieles leben die einzelnen Fächer in der Praxis aneinander vorbei. Während in Biologie, in Physik oder auch in Sozialwissenschaften (Wirtschaft) oft lediglich danach gefragt wird, wie bestimmte technische Abläufe funktionieren, mithin nur die theoretische Vernunft des Menschen in Anspruch genommen wird, diskutieren die Schüler in anderen Fächern, wie Religion und Philosophie häufig über abstrakte Normen und Moraltheorien, bemühen also ihre praktische Vernunft.

Diese „Halbierung der menschlichen Vernunft“ sollte überwunden werden. Theoretische und praktische Vernunft sollten in ein dialektisches Verhältnis eintreten und sich bei der Beurteilung von strittigen gesellschaftlichen Fällen aneinander abarbeiten, um eine verantwortliche Urteilsbildung, nicht nur der Experten, zu ermöglichen.

Die 7 Regeln der Urteilsbildung:

1. Regel

Das zu bearbeitende Problem sollte ein praktischer, in der Gegenwart bedeutsamer u. politisch strittiger Konflikt- oder Entscheidungsfall sein, der aus der Sicht der Handelnden relevant und in ü̧berschaubarer Zeit vorläufig entscheidbar ist.
Erläuterung:

Bearbeitet werden sollen mit dieser Vorgabe vorrangig Fragestellungen vom Typ "Was soll ich tun?", nicht aber Fragestellungen "Was ist ... ?" oder "Wie funktioniert das ... ?". Dies nur auf "Erkenntnis von etwas" ausgerichtete Interesse stellt eine Unterforderung der menschlichen Vernunft dar, da Entscheidungsfragen hier ausgeklammert sind. Mit dieser Regel soll deutlich gemacht werden, dass die Vernunft eines jeden Menschen zuständig ist für solche praktischen Fragen. Wenn ich hier von praktisch rede, dann mit der Bedeutung, dass Wertungen (gut/schlecht im umfassenden Sinne, nicht nur im Sinne von richtig/falsch; zweckmäßig/ unzweckmäßig) vorgenommen werden. Durch diese Regel soll vermieden werden, dass die Vernunft sich selbst fälschlicherweise beschneidet und nur noch für Wissensfragen (Was kann ich wissen?) zuständig ist. Im Zeitalter der Wissenschaftsorientierung (und Dominanz des naturwissenschaftlichen Weltbildes) ist dies leider allzu schnell der Fall, was zu einer "positivistischen Halbierung von Rationalität" (J. Habermas) führt.

2. Regel

Die Kriterien zur Beurteilung des konkreten Falles sind so zu wählen, dass sie auch für die Beurteilung ähnlicher Fälle Gültigkeit beanspruchen können. Hierfür ist die praktische Vernunft zuständig.
Erläuterung:

Ohne Kriterien ist keine praktische Entscheidung möglich. (Darauf hat schon Aristoteles in der nikomachischen Ethik hingewiesen.) Sie können aus tradierten oder vorläufigen Urteilen eruiert werden. Angesichts neuer Entscheidungsprobleme, die sich z. B. infolge von technischem Fortschritt ergeben, sind innovative und besonders intensive Bemühungen um die Entwicklung neuer Beurteilungskriterien notwendig. Innerhalb der Kriterien gibt es durchaus unterschiedliche Gewichtungen. Die normativen Kriterien sollten vor der Entscheidung im engeren Sinne aufgestellt sein. Der Verbindlichkeitsanspruch dieser Regeln stützt sich nicht auf empirische Belege, sondern auf das Interesse der Vernunft, sich an allgemeingültigen „Sollens-Vorstellungen“ zu orientieren. Kein noch so exakter Verweis auf das, was ist, kann begründen, was sein soll (naturalistischer Fehlschluss).

3. Regel

Die für die Bearbeitung des Falles relevanten Aussagen ü̧ ber die Wirklichkeit (Sachverhaltsfeststellungen) müssen auf sachliche Richtigkeit, auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Hierfür ist die theoretische Vernunft zuständig.
Erläuterung:
Ausgehend von den Kriterien zur Beurteilung des Falles sind die Sachverhaltsfra- gen zu klären. Es muss gleichsam eine Beweisaufnahme durchgeführt werden. Es interessiert aber nicht die Wirklichkeit an sich oder das Wissen der Welt insgesamt, vielmehr grenzen die Kriterien den Suchraum der zu klärenden Sachfragen ein. Die Forschungsarbeiten werden so auf das Wesentliche, auf relevante Fragen konzentriert.

In Auseinandersetzung mit den Sachproblemen kann es durchaus sein, dass neue Beurteilungsgesichtspunkte entstehen, die ihrerseits wiederum zu neuen Kriterien führen (siehe Regel 4). Alle empirischen Methoden und Strategien, die im Laufe der Entwicklung von Wissenschaft und Technik mittlerweile zur Verfügung stehen, um die Qualität des empirischen Wissens ü̧ber die Wirklichkeit zu verbessern, sind hier gefragt.

4. Regel

Die Passung von Beurteilungskriterien und Aussagen auf die Wirklichkeit ist schrittweise zu verbessern. Der Primat liegt bei der praktischen Vernunft. (Dialektik zwischen theoretischer und praktischer Vernunft)
Erläuterung:

In Standardfällen ist die Passung beider Seiten recht schnell und recht gut zu erreichen, da die relevanten Beurteilungsgesichtspunkte weitgehend bekannt sind und die Beweisfragen schnell und problemlos geklärt werden können. Schwierig gestaltet sich dieser Punkt, wenn technische Neuerungen entstehen und/oder gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch sehr kontrovers zu beurteilende Probleme vorliegen. Das kreative und mehrfache Hin- und Her- Wenden des Blickes (vom Sollen zum Sein, vom Sein zum Sollen) - eine gut funktionierende Dialektik zwischen praktischer und theoretischer Vernunft bezogen auf den zu behandelnden Fall - macht die besondere Qualität eines Urteils aus. Hier muss viel und gründliche Arbeit investiert werden, um schrittweise zu guten Lösungen zu gelangen. Die praktische Vernunft liefert die Relevanzkriterien; auf dieser Basis kann eine Reihe von Einzelurteilen gefällt werden.

5. Regel

Die Gesamtentscheidung ist so zu fällen, dass die Einzelurteile angemessen berücksichtigt werden. (Gesamturteil)
Erläuterung:
Das Gesamturteil sollte nicht nur logisch und stilistisch aus einem Guss" sein, sondern auch inhaltlich eine angemessene Berücksichtigung der einzelnen Urteile widerspiegeln. Dies ist besonders dann schwer zu erreichen, wenn eine Gewichtung der Einzelurteile unsicher oder kontrovers ist. Letztlich gilt in Zweifelsfällen eine einfache Maxime, die jedoch ihrerseits wieder schwierig zu berücksichtigen ist, nicht weil sie nicht einsehbar oder praktikabel wäre, sondern weil aus ihrer Befolgung einschneidende Konsequenzen resultieren: In Entscheidungskonflikten sind diejenigen Entscheidungen zu bevorzugen, aus denen der geringste Fehler (Schaden) entsteht und die negativen Folgen für die Benachteiligten (Schwächsten) am geringsten sind.

6. Regel

Urteile sind zu veröffentlichen. Bei der Veröffentlichung des Urteils ist darauf zu achten, dass Unsicherheiten und Widersprüche in der Urteilsbildung nicht kaschiert, sondern sichtbar werden.
Erläuterung:

Urteilsbildung findet in der Regel in begrenzter Zeit, mit begrenztem Personal, mit begrenzten Mitteln und auf der Basis von unsicheren Informationen statt. Sie ist in der Regel immer mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten verbunden und von daher als vorläufig anzusehen. Um anderen Menschen, die das Urteil übernehmen wollen oder selbst in die Urteilsbildung einsteigen wollen, die Chance zu geben, die Qualität des Urteils abzuschätzen und eventuell an Schwachpunkten weiterzuarbeiten, ist es nicht nur notwendig, die Entscheidung und ihre Begründung zu veröffentlichen, sondern auch die Unstimmigkeiten und Kritikpunkte und problematischen Aspekte des Urteils mitzuteilen. Von daher ist es angebracht z. B. die Veröffentlichung von Minderheitenvoten nicht zu verbieten, sondern sie zu fördern (eine Praxis, die das Bundesverfassungsgericht seit langem verfolgt).

7. Regel

Setze die Regeln 1-6 in Kraft - z. B. dadurch, dass sie von denen, die gemeinsam an einem Entscheidungskonflikt arbeiten, beschlossen und bei der Bearbeitung des Falles beachtet wer- den.
Erläuterung:

Selbsteinsetzung der Vernunft (F. Kaulbach, der große Münsteraner Kantforscher hat diesen Vorgang Heautonomie genannt) ist die Basis dafür, dass die Vernunft ihre Arbeit - und zwar gemeinsam mit anderen - aufnehmen kann. Sie ist als ein verfassungsgebender Akt zu verstehen. Auf dieser Basis kann Vernunft tätig werden, mit "Selbstdenken" "an der Stelle je- des anderen denken" und "jederzeit mit sich einstimmig denken" beginnen und das Projekt der Aufklärung auf der Ebene individuellen Handelns in Gang gesetzt sowie gemeinsam mit anderen fortführen.

 

Mithilfe der 7 Schritte kann es gelingen, in vertretbarer Zeit zu einer gut begründeten Haltung zu finden!

Probieren Sie es selbst!

Literatur:

W. SANDER: Gerichtshöfe der Vernunft. Wie ist politisch-moralische Urteilsbildung im Unter- richt möglich?, aus: Frankfurter Hefte Extra 5: Existenzwissen 1983, S.175-193. W. SANDER, J. Priester: Recht Rechtsprechung Gerechtigkeit. Arbeitsbuch Sozialwissenschaften 2. Opladen 1983, S. 36-53.
W. SANDER: Effizienz und Emanzipation - Prinzipien verantwortlichen Urteilens und Handelns. Eine Grundlegung zur Didaktik der politischen Bildung, Opladen: Leske 1984, hier besonders Kap. 5 und 6.
P. WEINBRENNER: Politische Urteilsbildung als Ziel und Inhalt des Politikunterrichts, in: BUNDESZENTRALE FüR POLITISCHE BILDUNG (Hrsg.): Politische Urteilsbildung. Aufgabe und Wege für den Politikunterricht, Bonn 1997, S. 73 - 74.
E. BAADER: Vom richterlichen Urteil. Köln, Berlin, Bonn, Münster 1989.



   
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