Fachlich fundiertes Wissen und pädagogische Kompetenzen sind die Grundlagen dafür, dass Lehrkräfte Lehr- / Lernkontexte zielführend konzipieren und gestalten können, die fachwissenschaftlich abgesichert und langfristig angelegt sind sowie das Entwicklungspotenzial und das Entwicklungsniveau der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen.

Zugleich nehmen Lehrkräfte als Erziehungs-Personen erheblich Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. Der verantwortliche Umgang mit Heranwachsenden erfordert ein Berufsethos, das Wertmaßstäbe für die Ausprägung einer entsprechenden pädagogischen Haltung beinhaltet. Dabei entwickeln Lehrkräfte ein Verständnis von beruflichen Anforderungen, Handlungen und Funktionszusammenhängen, reflektieren das eigene berufliches Handeln und sorgen durch Fort- und Weiterbildung für den Anschluss an wissenschaftliche Erkenntnisfortschritte.

Empfehlend  möchte ich hier auf das Berufsleitbild und die Standesregeln hinweisen, die im Juni 2008 vom Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer der Schweiz verabschiedet wurden. ----->Link zur Publikation

Vergleicht man den obigen Text mit der gelebten Wirklichkeit an vielen Schulen im Lande, so kommen Zweifel auf, ob dieses Leitbild der professionellen Persönlichkeitsentwicklung auch bei der Bildungs-Politik, den Bildungs-Institutionen oder etwa der Bildungs-Verwaltung und schließlich auch bei den Lehrkräften angekommen ist.

Sie, die Lehrkräfte, deshalb als  träge, faul und unwillig zu brandmarken, wäre ungerecht und würde die gegenwärtige Situation absolut nicht treffen. Die meisten Lehrkräfte wissen um die Bedeutung der permanenten Fortbildung als Basis einer anerkannten, guten Profession.

Die Bildungs-Politik macht es sich jedoch einfach - zu einfach - wenn sie meint. das Problem mit einer Verordnung lösen zu können.

Im §57 Absatz 3 des NRW Schulgesetzes von 2006 heißt es:

"Lehrerinnen und Lehrer sind verpflichtet, sich zur Erhaltung und weiteren Entwicklung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten selbst fortzubilden und an dienstlichen Fortbildungsmaßnahmen auch in der unterrichtsfreien Zeit teilzunehmen. Die Genehmigung von Fortbildungen während der Unterrichtszeit setzt in der Regel voraus, dass eine Vertretung gesichert ist oder der Unterricht vorgezogen oder nachgeholt oder Unterrichtsausfall auf andere Weise vermieden wird."

Wenn Lehrkräfte diese Formulierungen nach einem anstrengenden Unterrichtstag ohne gesellschaftliche Anerkennung lesen, kann man sich vielleicht vorstellen, weshalb viele Lehrkräfte Fortbildungsangebote kaum in Anspruch nehmen.

Hier sind als wesentliche Gründe zu nennen:

- Für Fortbildungen hat das gegenwärtige Arbeitszeit-Modell mit der Fixierung auf die erteilten Unterrichtsstunden keinen "Raum" geschaffen. Fortbildung wird als Verpflichtung formuliert und in die knappe Erholungszeit verwiesen. So, als ginge es hier um die persönliche Bereicherung der Lehrkräfte.

- Das an die Zahl der erteilten Unterrichtsstunden gekoppelte Arbeitszeit-Modell der Lehrkräfte basiert auf der irrigen Annahme, dass Wissen auf Vorrat zu erwerben sei und ein tragfähiges Konzept zur Besserung der Unterrichtsqualität darstelle. Deshalb wurden "Unterrichten" und "Sich fortbilden" als getrennte Bereiche organisiert.

- Wenn Fortbildung nur außerhalb der vorgeschriebenen Unterrichtsstunden möglich ist, wird Fortbildung für die Lehrkräfte als Maßnahme "zur eigenen persönlichen Bereicherung" abgestempelt und wird damit als Komponente der Systementwicklung nicht nutzbar.

Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in einem sehr komplexen Berufsfeld. Das bedeutet, dass viele Fragestellungen bzw. Probleme aus der Schulpraxis fallspezifisch sind und nicht nach einem allgemeinen, theoretisch begründeten "Wenn- Dann- Sonst - Schema" gelöst werden können. Diese an sich allseits bekannte Erkenntnis verweist die Lehrerfortbildung deutlich auf den Mikrokosmos der einzelnen Unterrichtsstunde. In diesen konkreten Situationen brauchen Lehrkräfte Unterstützung. Wenn sie die Transformation von "externen Erfahrungen , von Gezeigtem auf die eigene Situation leisten sollen, erleben sie häufig nicht den gewünschten Erfolg und resignieren leicht. Damit wird aber zugleich deutlich, dass eine Trennung von "Unterrichten" und "Sich fortbilden" nicht zwangsläufig zum gewünschten Ausbau der Professionalität beitragen kann. 

Quelle:  Silvio Herzog · Bruno Leutwyler Herausgeber, Entwicklungslandkarte für Lehrpersonen
Notwendigkeit, Konzept und Implikationen eines biografisch orientierten Personalentwicklungsinstruments


Wir brauchen Fortbildungs-Modelle, die dieser Tatsache gerecht werden können. "Training on the job", wäre sicher ein erfolgversprechenderes Modell. Dieses Prinzip ist leider nur kein Strukturelement der gegenwärtigen Lehrerfortbildung. Unterstützung im Kernprozess der Profession ( im Prozess des Unterrichtens und Erziehens) könnte helfen, die Lehrkompetenzen nachhaltig zu verbessern.

   
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